Inhalt: Die [INST] – ein literarischer Platzhalter für den Begriff der Komplexeinrichtung – und ihre unterschiedlichen Aspekte werden näher beschrieben. Es handelt sich dabei um eine literarische Reflexion über einen komplizierten Sozialraum, der von unterschiedlichen Interessen, Denkgewohnheiten, Erwartungen und Perspektiven geprägt ist.

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Was die [INST] ist, das kann man schwer sagen. Die [INST] hat viele Seiten und dabei sieht sie für jeden anders aus, je nachdem, wo er steht. Die [INST] ist komplex, im fundamentalen Sinn des Wortes, aber sie versucht es sich einfach zu machen. Die [INST] ist ein seltsames Gebilde, aber man muss wissen, was sie ist und wie sie funktioniert, denn nur so lässt sich die [INST] überwinden und überwunden werden muss sie, denn ihre Vorteile sind geringer als ihre Nachteile. Zunächst, sicherlich, ist die [INST] eine Institution und damit etwas sehr Allgemeines und ganz allgemein kann man zu einer Institution sagen: „Der Begriff ‚Institution‘ leitet sich vom lateinischen Begriff ‚instituere‘ ab. Das heißt auf Deutsch ‚verwalten‘, ‚einrichten‘, ‚anordnen‘ […]. Damit werden öffentliche oder staatliche Einrichtungen oder Organisationen bezeichnet, die einen ganz bestimmten Zweck haben und auf Dauer eingerichtet wurden. Das sind zum Beispiel Schulen oder Universitäten. Dazu gehören auch Forschungseinrichtungen des Staates, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das Parlament und die Parteien.“[1] Die [INST] ist also eine öffentliche Einrichtung und hat einen ganz bestimmten Zweck. Die [INST] ist in diesem Fall, in diesem Text und in all den anderen Texten hier, in diesem Mikrokosmos, der sich vor uns auftut, in diesem einfältigen Versuch, etwas herauszufinden und gleichsam etwas zu beschreiben, eine stationäre Komplexeinrichtung[2] der Behindertenhilfe. Die [INST] ist eine Institution der Behinderung. Man kann in der [INST] wohnen und arbeiten. Man lebt in der [INST]. Ganz grundsätzlich.

Die Architektur

Jürgen F., Wohngruppenhelfer in der [INST]: „Na [INST] kenn ich nich, hab ich noch nich gehört. Also hier, das hier, das is halt Arbeit, also is halt n Heim eben. Naja und da sieht man schon einiges, wa? Is halt wie so ne Psychiatrie, so kann man sich dit vorstellen, glaub ick. Also n richtiger Klotz, n großer, grauer Klotz. So n Klotz in der Landschaft. Ja, von der Bauart her is das nich schön.“

Die [INST] ist eine spezielle Bauart, ein Klotz, etwas in die Gegend Geschmissenes. Vor allem die stationäre Wohneinrichtung, die klassische [INST], verdeutlicht durch ihre Erscheinung bereits, dass es hier nicht mit rechten Dingen zu geht. Die [INST] ist nicht normal, das sieht und spürt man. Sogar meint man zu glauben, der [INST] hafte etwas Beklemmendes an. Betritt man die Räume der [INST] dann spürt man einen grauen Vorhang, den man durchschreitet und der sich dennoch nicht lüftet. Wenn man sich durch die [INST] bewegt, dann geht man langsam, denn man ist beeindruckt von der Enge in diesen riesigen Räumen. In der [INST] fühlt man sich wie im Krankenhaus. Mit der [INST] assoziiert man nicht zufällig eine Psychiatrie, denn aus dieser ist sie entstanden. In der [INST] wohnt man wie auf Station, es gibt die langen Gänge oder die kurzen verwinkelten, immer gibt es Dienstzimmer und Aufenthaltsräume. Die [INST] ist ein architektonisches Phänomen, eine Bauart, ein Klotz.

Das Totale

Katharina G., Heilerziehungspflegerin in der [INST]: „Also wenn ich abends nach Hause gehe, hab ich manchmal so ein seltsames Gefühl, als sei ich irgendwie froh darüber. Einfach übers Nachhause gehen. Also gar nicht mal wegen der Arbeit, die teilweise wirklich super anstrengend ist, sondern, einfach, weil ich nach Hause gehe. Das ist komisch. Als ob mir eine Last von den Schultern fallen würde. Irgendwie.“

Die [INST] ist nicht nur Architektur, sie ist überall. Sie füllt ein ganzes Leben aus. In der [INST] gibt es keine Insassen, so sagt man heutzutage nicht mehr, es gibt nur Bewohner der [INST], deren Leben die [INST] ist und nicht viel mehr. Möchte man den modernen Menschen beschreiben, so kann man behaupten: Dieser arbeitet, dieser wohnt und dieser hat eine Freizeit und das ist dann sein Leben. Der moderne Mensch hat drei Bereiche, in denen er lebt und diese Bereiche sind offen, sind wechselhaft, sind irgendwie in Bewegung. Das kann man behaupten. Der Bewohner der [INST] hat auch drei Bereiche, in denen er lebt, er wohnt in der [INST], er arbeitet in der [INST] und er verbringt seine Freizeit in der [INST]. Der „klassische Bewohner“ kennt nichts außer der [INST]. Nur selten verlässt er die [INST], zum Beispiel, wenn er in den Urlaub fährt. Nach dem Urlaub kommt wieder die [INST] und zwar vorläufig für immer. Das ist das Totale der [INST]. Man kann allgemein sagen: „Institutionen wählen wir nicht, wir gehören ihnen nicht einfach an, wir sind ihnen unterworfen. Wir können uns aus ihnen nicht herauslösen, wenn auch im Prozess unseres Lebens die institutionellen Bedingungen, auf die wir verwiesen sind, wechseln, sich ablösen.[3]“ Zu einer [INST] kann man sagen, dass man dieser unterworfen ist und bleibt und dass sich ihre Bedingungen nicht ändern oder nur kaum.  

Der Zweck

Florian H., Heilpädagoge in einer [INST]: „Unsere Arbeit ist eine zweischneidige Angelegenheit. Einerseits wollen wir Menschen helfen, die ihren Alltag nicht alleine bewältigen können. Andererseits halten wir diese Menschen durch unsere Hilfe davon ab, ihren Alltag irgendwann alleine bewältigen zu können. Ich meine, es geht heute nicht mehr um Fürsorge, sondern doch auch darum, dass diese Menschen die Bedingungen ihres Lebens – soweit das eben geht – selbst bestimmen sollen. So sehe ich das zumindest. Ja, und ich weiß nicht, vielleicht ist der Vergleich ja unzureichend, aber so kann es nicht gehen.“

Die [INST] ist nicht nur total, es gibt sie, um Menschen besonders, gesondert zu behandeln. Da diese Menschen besonders, gesondert behandelt werden müssen, da sie es brauchen, da sie besonders, gesondert sind, so heißt es. Wer es nun tatsächlich braucht, ob es die anderen Menschen brauchen, die nicht so besonders sind; ob es die Systeme brauchen, in denen alle Menschen sich bewegen; ob es die Menschen, die so besonders sind, tatsächlich brauchen oder ob sie es überhaupt wollen, das ist für die [INST] nicht wichtig, denn sie existiert und sie existiert für ihren Zweck. Der Zweck ist die Haut, die die [INST] umgibt. Alles was lebt und auch die [INST] selbst lebt, strebt danach weiterzuleben, in der eigenen Haut. Kein Lebewesen, möchte, dass man ihm die Haut abzieht. Keine [INST] möchte in ihrem Zweck in Frage gestellt werden. Und es scheint, wolle man den Zweck der [INST] ändern, wolle man sie weniger total machen, wehre sie, kämpfe und verhärte sie sich, so dass sich nichts mehr bewegt. Gibt es die [INST], weil es den Zweck gibt oder gibt es den Zweck überhaupt erst wegen der [INST]?

Das Umfeld

Vorsitzender der Trägerverbandes der [INST]: „In den nächsten Jahren wird es nicht besser werden, eher schlechter. Die Kostensätze werden geringer, unsere Bewohner werden älter und eine Umwandlung in eine Pflegeeinrichtung wird irgendwann unausweichlich sein. Und wir wissen alle, wie die Finanzierung im Pflegebereich aussieht. Das heißt, wir werden versuchen, eine Aufweichung der Fachkräftequote zu erreichen. Ohne ungelernte Hilfskräfte, also Quereinsteiger, ist das bald nicht mehr zu managen. Das heißt also, manche müssen zurückstecken, damit das Leben für die meisten erträglich bleibt.“

Die [INST] hat nicht nur einen Zweck, sie hat auch ein Umfeld, das diesen Zweck setzt. Sie steht nicht allein da, sondern gehört zu einem Verbund, in dem mehrere [INST]en oder andere Einrichtungen organisiert sind. Die [INST] hat einen Träger, der die Verantwortung trägt, aber nur theoretisch. Der Träger ist ein Dachverband und eine wirtschaftliche und verwaltungstechnische Steuerungseinheit. Die [INST] hat einen Kostenträger, der die Kosten trägt, aber nur so wenig wie möglich. Der Kostenträger ist ein staatliches Amt, eine Behörde, ein Auswuchs an formalisierten Verwaltungsabläufen. Die [INST] ist schließlich Teil des sozialen Versorgungssystems und dadurch erhält sie ihren Zweck: Die Besonderen zu versorgen, so gut es geht, was heißt: so kostengünstig und trotzdem human wie möglich. Und vieles ist möglich. Die Träger mögen an der [INST], dass diese so effizient ist und man sie immer wieder effizienter machen kann, ohne, dass sich jemand beschwert, denn die Bewohner können sich nicht beschweren und die Mitarbeiter sind froh, wenn sie überhaupt eine Arbeit haben. Die [INST] ist ein – vom Umfeld – deutlich unterfinanziertes Konstrukt, auch wenn manche Träger beachtliches Kapital akquirieren, das sie dann – wenn sie gut sind – in progressive Projekte investieren oder – wenn sie schlecht sind – in den Bau von Gebäuden, die kein Mensch braucht. Manche Vorstände von Trägern werden zu richtigen Baulöwen und planen jahrzehntelange Projekte. Das Geld fließt nie in die Konzeption einer humanen Pädagogik, denn eine [INST] funktioniert durch Abläufe, nicht durch pädagogisches Handeln. Natürlich gibt es Fortbildungen. Aber es gibt keine gemeinsame Idee, keine gemeinsame Haltung. Haltung kann man nicht verschreiben, heißt es in der [INST]. Viele behaupten, dass die Bedingungen der [INST] durch das Umfeld gesetzt seien. Viele behaupten, man müsse die [INST]en nur besser finanzieren, dann würde alles besser werden. Aber selbst, wenn das Umfeld die [INST]en erschafft und deren Spielraum bestimmt, ist die [INST] noch mehr.

Die Regeln

Jürgen F., Wohnbereichsleitung einer [INST]: „Es gibt schon Leute hier, die sind in ihrem Hilfebedarf eher außergewöhnlich. Man merkt sehr deutlich, dass da die Krankheit oder Behinderung so weit fortgeschritten ist, dass man ganz spezielle Angebot machen muss. Von unseren Mitarbeitern erwarten wir auf jeden Fall, dass ihnen das so schnell wie möglich klar wird und dass sie kreativ auf Herausforderungen reagieren, aber auch, dass sie im Team handeln und…ich sage es mal so…einfach wissen, worauf es ankommt. Das ist wichtig. Man kann hier niemandem die Welt erklären. Wer hier arbeiten will, der muss diese bereits kennengelernt haben.“

Die [INST] hat nicht nur ein Umfeld, das die Bedingungen setzt, die [INST] selbst setzt Bedingungen. Die [INST] sagt, wie etwas zu sein hat. Das sagt sie nicht laut. Eigentlich sagt sie es nicht, sie flüstert. Und wenn man ganz genau hinhört, dann flüstert sie nicht einmal. Die [INST] ist einfach. Sie ist, wie sie zu sein hat. Man kommt nicht umhin, wenn man in der [INST] ist – ob man sie bewohnt oder sie bearbeitet –, ebenfalls so zu sein wie die [INST], so, wie man zu sein hat. Das ist die Kraft der [INST]: Sie zwingt dich dazu, ihre Regeln anzunehmen. Die offensichtlichen, augenscheinlichen. Und auch die geheimen. Diese Kraft ist brutal, denn entweder du bist wie die [INST] oder du bist nicht mehr in der [INST]. Alles andere ist das Reden darüber, das Schönreden. Die [INST] und ihre Geschichte bestimmen, wie in ihr zu verfahren ist. Dabei hat die [INST] die Tendenz, alles, was nicht so ist, wie es die [INST] braucht, abzusondern. Es geht dann so vonstatten, dass die Bedingungen für denjenigen so ungünstig werden, dass er nicht umhinkann, so zu sein wie die [INST] oder zu gehen. Letztlich bestimmt die [INST], was in ihr ist und wer in ihr ist. Die [INST] besteht aus Regeln, deren Befolgung alternativ los ist.

Die Ordnung

Daniela B., Heilerziehungspflegerin in der [INST]: „Also im Prinzip bin ich eine Top-Planerin. Ich glaube, wenn man mich anstellen würde, um ein Festival auf die Beine zu stellen, das würde ich hinkriegen. Rock am Ring? Kein Problem. Ich mache hier nichts anders als Planen. Und dabei habe ich kaum Spielraum. Ich meine, da ist die Zeit und da sind die Bewohner und dann sind da die Abläufe, die so sein müssen. Also im Prinzip hab ich nur ganz wenige Möglichkeiten, mit denen ich dann ganz viel ermöglichen soll. Ja. Das lernt man hier wirklich, das Planen. Ich meine, es muss ja alles organisiert sein.“

Die [INST] besteht nicht nur aus Regeln, sie ist auch ein Prozess. Die [INST] ist ein Prozess, der immer laufen muss. Die [INST] muss überleben und das kann sie nur durch den Prozess, der sie selbst aufrechterhält, der – im Zweifelsfall – immer Vorrang hat. Damit der Prozess weitergehen kann, gibt es eine Ordnung, es gibt diese unsichtbaren Fäden, zwischen allen Elementen, den man auch Handlungsspielraum oder mystisch aufgeladen die „Angemessenheit“ nennen kann. Man könnte fast meinen, wenn man die [INST] anschaut, es gäbe einen allesumfassenden Plan. Doch stattdessen gibt es hunderte, tausende kleiner Pläne, die sich jedoch auf nur eine Idee beziehen: dass alles planbar sein muss. Dass Planbarkeit das Wichtigste ist. Denn die [INST] hat Angst, auch wenn sie keine Person ist. Die [INST] hat Angst vor dem spontanen Prozess, der – das liegt in seinem Wesen – dazu neigt, uferlos zu werden, Ressourcen zu verschwenden. Leben ist ein spontaner Prozess. Das kann man behaupten. Die [INST] lebt, indem sie versucht Leben zu vermeiden. Die [INST] ist eine Ordnung, die eingehalten werden muss.

Der Zwang

Carmen V., Erzieherin in der [INST]: „Also ich würde ja gerne meinen Bewohnern mehr bieten, bspw. mal öfter einen Ausflug machen in die Stadt oder, dass die vielleicht teilnehmen können, an irgendwelchen Kursen oder in Vereinen, aber ich weiß nicht, wie ich das machen soll? Ich meine, ich kann doch nicht mit denen da hingehen, ich hab doch Gruppendienst. Und naja, die Kollegen: Erstmal gibt’s nich so viele und dann haben die auch andere Dinge zu tun. Das lässt sich einfach nur ganz schwer machen. Ich würde ja gerne, ja.“

Die [INST] ist nicht nur eine Ordnung. Aus ihrer Ordnung folgt der Zwang. Die [INST] hat Pläne, die [INST] hat eine Organisation und alles, was außerhalb dieser Organisation liegt, das bedeutet: Mehraufwand. Was sich ein System, und die [INST] ist ein System, das kann man behaupten, nicht leisten kann, ist Mehraufwand. Jeder Mehraufwand ist ein Angriff auf die Ressourcen des Systems und zwingt es zur Abwehr. Die [INST] ist nicht böse, sie ist kein Individuum. Die [INST] hält niemanden willentlich von irgendetwas ab. Die [INST] hat keine Arme und keine Beine und keinen Geist. Die [INST] muss jedoch. Sie hat einen Auftrag und einen zweiten Zweck: Sie muss große Menschengruppen in ihrer Bedürfnisbefriedigung organisieren. Und das muss sie effizient tun, denn die [INST] ist ein System mit endlichen Ressourcen. Niemand möchte sterben. Aber die Menschen in der [INST] wollen leben. Leben – im Gegensatz zum Existieren – kann man nur durch Wollen, doch alles Wollen bedeutet Aufwand. Die [INST] hat den Zwang, Aufwand zu vermeiden und übt Zwang aus, um dies zu gewährleisten. Die [INST] ist struktureller Zwang.

Die Denkungsart

Robert K., Pädagoge in der [INST]: „Also, wenn man sich die Leute hier anschaut, dann ist klar, warum die hier sind, die kannst du ins normale Leben nicht rauslassen. Die halten sich an keine Regeln, nichts. Und dann immer schön Sachen kaputt machen, wenn sie nicht das bekommen, was sie wollen. Oder am besten noch gleich schlagen, ja. Ich meine, die sind woanders doch gar nicht haltbar. Am Ende ist selbst unsere [INST] noch zu locker für die. Eigentlich bräuchten wir Security-Personal und Time-Out-Räume, mit Schaumstoff ausgekleidet, wo die sich richtig austoben können. Es gibt wirklich noch zu wenige Maßnahmen hier, damit wir die in Schach halten können.“

Die [INST] ist nicht nur struktureller Zwang, sie geht tiefer. Eine [INST] kann man sehen, eine [INST] kann man spüren, eine [INST] kann man denken. Man kann sie anschauen, beobachten, bewerten, sie beurteilen. Und dann gibt es noch etwas an der [INST], das unsichtbar ist, ein kleiner Teil, ein Kleinstteil der [INST], ein Atom nur, ein Quark, ein Quant vielleicht. Etwas so Kleines, dass es nicht auffällt, aus dem heraus sich jedoch ein ganzes Universum entfalten kann. Die [INST], das Kleinstteil der [INST], ist nicht materiell, deswegen ist es überall. Es wandert. Es treibt vielleicht umher wie ein Aerosol, lässt sich von Luftströmen treiben, pfeift den Menschen um die Ohren. Es schleicht sich in jede Ritze und dann irgendwann – denn dort möchte es hin – findet es seinen Weg in die Köpfe, in die Ohren, in die Gedanken und dort klappt dieses Kleinstteil auseinander, Schicht für Schicht, die Fläche wächst exponentiell, ein ganzes Universum entsteht und in diesem Universum macht alles Sinn, was vorher Unwohlsein und vielleicht Schmerzen bereitet hat. Das Kleinstteil der [INST] wird zum Inneren der Menschen in der [INST], jeder trägt ein Stück davon mit sich herum, in jedem Gedanken, jedem Geräusch, jeder Szenerie und jedem Urteil – das Kleinstteil der [INST] haftet an allem, in allem und es – so kann man behaupten – täuscht. Alles was man beobachten kann, an der [INST], was man beurteilen und bewerten kann, die Architektur, das Totale, den Zweck, , das Umfeld, die Regeln, die Ordnung, den Zwang – sie verschwinden. Die [INST] und ihre Elemente werden eins, gehen ineinander über, werden normal. Die Bedingungen der [INST] werden zu den einzigen Bedingungen, die es gibt, und man bewertet alles, was in der [INST] passiert, aufgrund dieser Bedingungen, doch diese selbst werden nicht mehr bewusst, nicht mehr offenbar, sie werden zum Hintergrund jedes Urteils, aber nicht mehr adressierbar. Man kann sie nicht mehr hinterfragen, die Bedingungen, die zum eigenen Atem geworden sind. Man wird zur [INST] und dient der [INST] und verteidigt die [INST] und glaubt an die [INST] und liebt die [INST] und man gibt sich ihr hin. Jeder Mensch, der negatives Verhalten in der [INST] zeigt, macht dies nicht mehr aufgrund der Bedingungen der [INST], sondern er macht es gegen die [INST], er wird zum Feind der [INST], er wird zum Täter, zum Unhold, zum Bösewicht. Die [INST] ist diese Denkungsart und diese Denkungsart geht über die eigentliche [INST], die Komplexeinrichtung, hinaus: Sie ist auch in den betreuten WGs und im ambulanten betreuten Wohnen zu finden. Die [INST], diese Denkungsart, kann ausgelagert werden, auch wenn sie dadurch an Macht verliert und manchmal vielleicht sogar fast verschwindet.

Das Wesen

Marian Q., Fachdienst in der [INST]: „Also irgendwie hab ich manchmal das Gefühl, es ist völlig egal, ob ich da bin oder nicht. Also nicht, dass ich als Person hier nicht gewertschätzt werden würde, das schon, zumindest ein bisschen. Ich denke nur, es ist völlig bedeutungslos, ob ich meine Arbeit mache oder jemand anderes. Ich meine damit, wie soll ich das sagen…ich ändere hier nichts. Also ja, ich führe Gespräche, ich fertige Berichte an, ich reagiere auf Probleme, aber so richtig etwas ändern, also etwas Grundsätzliches, also das nicht. Also es geht hier irgendwie auch nicht darum, etwas zu ändern, es soll einfach so weitergehen. Probleme lösen, neue Probleme entdecken, Probleme lösen, neue Probleme entdeckten. Jeden Tag. Ich weiß ganz ehrlich nicht, was ich hier eigentlich soll. Es ist egal, ob ich hier bin oder nicht.“

Die [INST] ist nicht nur eine Denkungsart, ihr Wesen, ist nicht nur eine Idee, etwas Abstraktes. Die [INST] ist ein Muster, nach dem gehandelt wird, etwas, das unabhängig ist von Ort und Architektur und Personen. Die [INST] ist tradiert, über Jahrzehnte hinweg und wie alles tradierte und seit Jahrzehnten Bestehende, ändert es sich nicht einfach, es besteht fort. Damit etwas – relativ unverändert – fortbestehen kann, muss es sich unabhängig machen von Störfaktoren, von Unsicherheiten, von Gefahren. Die [INST] muss sich immunisieren. Von spontanen Prozessen. Von Menschen. Aber nicht komplett. Denn nur die [INST] würde sich auflösen, wenn es keine Menschen mehr in ihr gäbe. Es muss Menschen geben, damit die [INST] weiterbesteht, aber es kommt nicht darauf an, wer das ist. Für die [INST] ist jeder einzelne Mitarbeiter wichtig, doch nur in seiner Zahl, nicht in seiner Person. Es scheint weiterhin zum Wesen der [INST] zu gehören: Je länger es die [INST] gibt, desto unwichtiger werden die Personen in ihr, für ihr fortbestehen. Je länger es die [INST] gibt, desto weniger wahrscheinlich ist eine Veränderung. Dies ist der Grund dafür, dass es in der [INST] nur austauschbare Elemente gibt. Es gibt [beliebig austauschbares Personal]. Es gibt [beliebig austauschbare Wohngruppenleitungen/Bereichsleitungen]. Es gibt [beliebig austauschbare Leitungspersonen]. Am Ende ist die [INST] in ihrem Wesen ein Platzhalter, auch für andere [INST]en, die alle unterschiedlich sind, sich jedoch in den Merkmalen gleichen bis ähneln. Die [INST] ist damit etwas Abstraktes. Und lebt als abstraktes Wesen unabhängig von ihren Merkmalen, Mitarbeitern, Insassen, Bewohnern fort. 

Die Sätze

Am Ende ist die [INST] auch etwas, das in Sätzen beschrieben wird. Es gibt sie, die Sätze, über die [INST], die sie treffen, verfehlen oder zumindest streifen. Egal, was sie mit der [INST] tun, sie ändern sie nicht. Dennoch gibt es sie:

Die [INST] ernährt uns, versorgt uns, bezahlt uns in Anlehnung an einen Tarifvertrag.

Die [INST] sagt uns: wo lang, wozu und weshalb.

Die [INST] hat immer Recht.

Die [INST] ist eine Lüge, sie behauptet das eine (die Sorge um Andere und Schwächere) und befiehlt das andere (die Treue zum Ablauf, zum Plan, zur Ordnung, in Ewigkeit, Amen.).

Die [INST] ist eine Welt.

Die [INST] ist ein Tyrann, sie befiehlt ohne Rücksicht und delegiert, sie trägt das Kommando zum Schein, sie ist befugt und verfügt, sie lässt uns im Stich, wir tragen Verantwortung, doch nichts zu entscheiden.

Die [INST] ist selbstlos, sie kümmert sich um uns, ganz ohne Gegenleistung, macht uns sauber und satt, gibt uns Kaffee und Kekse von Aldi, gibt uns Zimmer und Bäder und moderne Badewannen, sie gibt uns lustige Abende mit Volksmusik und Kinderliedern.

Die [INST] ist ein Abend voller Freude mit einem Akkordeonspieler – immer Donnerstags!

Die [INST] ist ein Anachronismus und eigentlich schon gar nicht mehr da, doch schau, wie widerspenstig sie da steht in der Landschaft und allen Anstürmen trotzt.


[1] “Institution: Begriffserklärung,” Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-junge-politik-lexikon/161242/institution.

[2] „Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffes „Komplexeinrichtung“. Ein kennzeichnendes Merkmal ist der Umstand, dass in einer Komplexeinrichtung eine Vielfalt von Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung angeboten wird und dass diese Dienstleistungen strukturell vernetzt sind. Eine große Bandbreite dieser Dienstleistungen wird dabei in der Regel an einem Standort angeboten. Der Begriff „Komplexeinrichtung“ ist aus den historischen Bezügen und Begründungen zu verstehen. Zumeist sind Komplexeinrichtungen als große Anstalten im 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts in ländlichen Regionen außerhalb der üblichen Siedlungsgebiete als caritative und gesellschaftliche Antwort auf die mit der Industrialisierung einhergehende Verarmung und Verwahrlosung hilfebedürftiger Menschen gegründet worden. Als früher weitgehend autarke Orte haben sie eine eigene Entwicklungsgeschichte“ AG Neupositionierung von Komplexeinrichtungen im CBP, “13 Thesen: Neupositionierung Von Komplexeinrichtungen in Der Caritas Behindertenhilfe Und Psychiatrie,” news release, March 20, 2011, accessed December 15, 2018, 1

[3] Wolfgang Jantzen, Das Ganze muß verändert werden: Zum Verhältnis von Behinderung, Ethik und Gewalt (Berlin: Ed. Marhold im Wiss.-Verl. Spiess, 1993), 70.