Inhalt: Es wird ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen: Mittels hochmoderner Technologie begibt sich ein Forscherteam in das zentrale Nervensystem eines Menschen mit geistiger Beeinträchtigung: Udo. Ziel der Reise ist es, herauszufinden, ob Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, die sich nicht äußern können und apathisch wirken, die abwesend zu sein scheinen, dennoch ein geistiges Innenleben besitzen. Auf dieser Reise stellt sich heraus, dass Udo denkt und fühlt wie jeder andere Mensch. Doch es kommen auch andere Geschehnisse ans Licht. 

Lesedauer: ca. 20 Min.

Erstens

Fahles Nachmittagslicht scheint durch das Fenster herein und verfängt sich in Udos Haaren, die dadurch fast so wirken, als fingen sie Feuer, als säße ein brennender Phoenix auf seinem Kopf, der langsam von vorne nach hinten wiegt. In seinen Augen hat Udo die berühmte Udoleere. Wie viele Jahre er zuvor aus dem Fenster starren musste, um diese Fähigkeit zu perfektionieren, ist unklar, lässt sich nur grob schätzen. 10, 15 vielleicht. Sicher ist jedoch, dass sich nur durch jahrelanges Training ein beharrliches Starren in die Unbeweglichkeit des Tages so ausgeprägt aneignen lässt. Seit er hier ist, starrt er jeden Nachmittag auf die kleine Wiese vor dem Haus mit der dürren, buckeligen Birke darauf. Die anderen sehen fern. „Fein Udo, so ists fein“, lobt ihn gelegentlich Albert, wenn er vorbeihetzt auf dem Weg zum Büro. Doch darauf antwortet Udo nicht mehr. Man könnte meinen er sei zu cool für solch banale Dialoge. Man könnte auch meinen, er wolle sich nicht auf das Niveau seiner Betreuer herablassen, die in ihrer Freizeit Cowboyhüte aufsetzen, auf Schützenfeste gehen und Helene Fischer bejubeln. Wahrscheinlicher ist aber vielleicht, dass Udo nicht mehr sprechen möchte. Denn was sollte er noch großartig zu sagen haben an einem Ort wie diesem, an dem sich lediglich die Gesichter ändern, die Möblierung im besten Fall, aber sonst nicht viel mehr? Man müsste eine Sprache erfinden, um diese nicht nachvollziehbare Existenz, in der Udo sich befindet, beschreiben zu können. Zumindest war dies eine These des SPEC-Teams, ganz am Anfang der Mission, neben vielen weiteren, die es zu klären galt. Vielleicht würde man es auch gar nicht hören wollen, was Udo zu erzählen hätte, vielleicht wäre das Ganze dann doch zu beunruhigend und aufwühlend. Also lieber Stille, bis auf die obszönen Geräusche von Scripted-Reality-Shows im Hintergrund.

Was Udo so macht, wenn er da vor dem Fenster sitzt? Man kann es nur vermuten und eine Vermutung des SPEC-Teams, der Grund für den ganzen Aufwand, den man sich gemacht hatte[1], war, dass Udo wahrscheinlich denkt, auch wenn man ihm das nicht zugestehen möchte. Die Argumentation von Klaus Weißkopf, dem psychologischen Leiter der Untersuchung lautete: „Man muss davon ausgehen, dass wir als Menschen tätige Wesen sind. Die Tätigkeit ist die zentrale Schnittstelle zwischen der Welt des Subjekts, des Ichs, und der Welt des Objekts, seiner Umwelt. Diese Tätigkeit bedeutet nicht nur Handeln, nach außen, physisch, das man beobachten kann, sondern man muss auch von einer psychischen Tätigkeit ausgehen, die das, was außen ist, also die Kommunikation mit anderen Individuen, die Symbole der Sprache, und die Abläufe der Handlungen, nur um einige Beispiel zu nennen, in das innere hineinholt, die also ein Abbild von der Welt macht und somit unsere Psyche auskleidet. Grundlage dieser Theorie ist, dass alles was interindividuell existiert, sich intraindividuell niederschlägt, also: was es außerhalb von mir gibt, das habe ich – in einer anderen Form – auch in mir. Es ist, folgt man dieser Argumentation, schwer vorstellbar, dass Menschen, die nicht physisch tätig sind, wie die Testperson, auch psychisch untätig sein sollen. Es handelt sich hierbei um grundlegende Prozesse, die genuin menschlich sind. Die Testperson denkt, in der Sprache, in den Symbolen, in die sie sozialisiert wurde, ob sie will oder nicht. Vielleicht auf einem anderen Niveau, vielleicht in einer anderen Grammatik, vielleicht nur rudimentär oder bruchstückhaft, aber sie denkt. Wir müssen nur noch herausfinden, wie diese Denktätigkeit aussieht.“

Beate, der [austauschbaren Gruppenleitung], hatte man diese Argumentation natürlich nicht dargeboten. Die [austauschbare Führungsebene] der [INST] war sich sicher, dass man das einfache Personal nicht mit solch abstrakten Überlegungen überfordern sollte, also erklärte man ihr, dass sie diesen Zwang zur Tätigkeit doch an sich selbst beobachten könne, bspw. könne sie doch nachempfinden, wie schwer es sei, nichts zu tun, wie schwer es sei, einfach nur dazusitzen, ohne Aufgabe, ohne Anforderung, ohne ein Ziel und man sich schnell frage, was man denn tun könne, in so einer Situation, wenn man mal nicht viel zu tun habe. Es sei also völlig nachvollziehbar, dass der Mensch einen Drang zum Tätigsein verspüre und – wenn Beate einmal nachdenken würde – kenne Beate sicherlich auch diese Momente, in denen man sitzt und sich das Denken an einen heranschleicht, ob man will oder nicht.  Beate bejahte dies und fügte hinzu, dass sie nur ganz selten richtig untätig sei, z.B. würde sie ihr Tablet anmachen und in irgendeinem sozialen Medium posten, dass ihr gerade langweilig ist; oder – die weitere Aufzählung führte Beate nur innerlich durch, ihren Vorgesetzten verriet sie davon nichts – sie würde ihre Füße fotografieren; oder sie würde Yoga machen, wenn sie beweglicher wäre; oder sie würde zu einer Freundin zum Kaffetrinken gehen; oder sie würde…ach, sie würde so einiges tun, um eines zu bleiben – erklärte man ihr wiederum: Tätig. Und dass dies Udo eben nicht könne, da er tetraspastisch im Rollstuhl saß, dass er aber dennoch diesen menschlichen Urdrang nach Tätigkeit verspüre und diese sich eben geistig vollzöge. „Es sind Gedanken in Udos Kopf! Davon gehen wir aus!“ verkündete der Leiter des SPEC-Teams, Konrad Georg, ein kastenförmig konstruierter Pfundskerl mit einer leichten Solariumsbräune um die Nase, bei der zweiten großen Missionsbesprechung.

Udo sitzt noch immer da und es ist fraglich, ob er begreift, was gleich mit ihm geschehen wird. Die Injektionsnadeln, die bereit liegen, kann er nicht sehen. Sein Blick führt von seiner Nasenspitze über den Balkon hinaus auf die Wiese zu der Birke – eine gerade Linie und wenn man ganz genau hinsieht, kann man die Anstrengung in Udos Augen erkennen, die notwendig ist, um diesen konzentrierten Blick aufrechtzuerhalten. Noch in der vergangenen Woche stand das gesamte Projekt auf der Kippe. Die letzten Testläufe hatten gezeigt, dass der Minimierungsprozess, der seit ca. 5 Jahren getestet und stetig verbessert wurde, Probleme verursachte. Sowohl die Untersuchungseinheit als auch die Testperson – der junge Affe mit dem exzentrischen Namen „Beckhard von Quast“ – wiesen bei der am Ende erfolgenden Re-Maximierung Verletzungen auf, die man sich nicht erklären konnte, als wären beide mit einer ätzenden Flüssigkeit in Kontakt gekommen. Unter Hochdruck arbeitete das Ingenieursteam um Verginia Motz an einer Lösung für diese überraschende neue Hürde[2] und mal wieder verbrachten die als kleinkariert verschrienen Techniker die gesamte letzte Woche im Labor. Es war ein Kraftakt, der in einem durch und durch positiven Test am Vortag kulminierte.

Udo bewegt sich nicht, obwohl er die Unterhaltung der beiden wissenschaftlichen Assistenten mit Albert eigentlich hören müsste. Sie sprechen darüber, dass sie ihm gleich die erste Injektion verabreichen werden, die ihn zunächst etwas ruhigstellen soll, auch wenn dies wahrscheinlich nicht notwendig sein wird, „da Udo ja ein ruhiger ist“, betont Albert. Dann – nach ca. 10 Minuten erfolgt Phase 2: Die zweite Injektion mit der Untersuchungseinheit wird verabreicht. In zwei Tagen wird es dann notwendig sein, „dass Udo ins Labor kommt, um die Kommunikation mit dem SPEC-Team herzustellen und einen ersten Datenaustausch durchzuführen, hierfür wird alles vorbereitet werden“. Udo indes, mit dem Blick auf die Birke, bleibt stoisch, während einer der wissenschaftlichen Mitarbeiter eine Injektionsnadel an seinem Unterarm ansetzt und sie bedächtig in dessen Haut schiebt. Albert erinnert sich derweil, wie er Udo kennengelernt hatte, wie er ihn dort, an seinem Platz zum ersten Mal sah, zur Faschingszeit und Udo als Clown verkleidet war und Albert sofort dieses unbestimmte melancholische Gefühl ergriff, das ihn gelegentlich überkam und sich ähnlich anfühlte wie damals als er seinem Vater verkündete, dass er Heilerziehungspfleger werden wollte und dieser keinen Ton darauf antworte und auch seitdem niemals etwas zu seinem Beruf gesagt hatte. Albert sah Udo an und dachte sich, damals, als er noch neu in der [INST] war und hoffnungsvoll und auch ein wenig naiv, dass er noch nie so einen traurigen Clown gesehen hatte. Während Albert nachdenkt und etwas selbstvergessen herumsteht, setzt der wissenschaftliche Mitarbeiter erneut an Udos Arm an. Die Spritze in seiner Hand hat eine dunkelgrüne Farbe. In Phase 2 wird die Untersuchungseinheit in den Brutkreislauf des Probanden gebracht, von wo aus diese sich ihren Weg in das zentrale Nervensystem bahnt, um dort mit der komplizierten neuronalen Forschungsarbeit zu beginnen. Hierfür werden – vereinfacht gesagt – Messinstrumente in die Nervenzellen eingeführt, um deren Informationsübertragung zu analysieren. Durch ein weiteres computergestütztes Verfahren wird es möglich sein, die Informationen inhaltlich auszulesen, wobei eine stufenweise Vervollständigung der Basissinnesinhalte erfolgt. Als grobes Modell, wie man sich diesen Prozess vorstellen kann, wurde in den vielen Schulungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter die informationstechnologische „Sprachenlehre“ herangezogen. Analog zum Übersetzungsprozess von Binärcode in Maschinensprache und letztlich höhere Programmiersprache, übersetzen Algorithmen die elektrischen Informationen in Udos Nervensystem. Die groben elektronischen Impulse, die gefüllt sind mit einer schier unendlich großen Menge an Sinnesdaten, werden dabei zunächst in Bedeutungsclustern erfasst und dann in einem letzten multikomplexen Prozess in eine innere Sprache von Udos Gehirn transformiert, die nicht viel mit dem zu tun hat, was man allgemeinhin als Sprache bezeichnet, stattdessen – zwar aus Wörtern zusammengesetzt, aber ohne grammatische Struktur – entspricht diese eher einer Ansammlung von Satzfetzen, teils hieroglyphisch verunstaltet, teils jedoch erkenn- und interpretierbar – so zumindest die Hoffnung der Linguistik-Experten. Bei einer Vielzahl von durchgeführten Tierversuchen – es waren so viele, dass die Ergebnisse als brauchbar erkannt und der Prozess dadurch vorangetrieben wurde – war es möglich, zwar kein Denken in einer inneren Sprache bei den Testobjekten zu identifizieren – da bei den im Test befindlichen unterschiedlichen Affenarten natürlich kein formalisiertes, in Symbolen repräsentiertes Sprachsystem existiert –, jedoch so etwas wie eine ungefähre, in Verhaltensweisen codierte Ausprägung von Denkprozessen, die im Nachhinein unter einem hohen theoretischen Aufwand interpretiert wurde. Am Ende konnte man auf den Result-Sheets jedoch nur etwas Aussagekräftiges erkennen, wenn man das entsprechende verhaltensbiologische Wissen besaß, um Muster in den Daten zu erkennen. Es war also keineswegs so, dass tatsächlich Bilddaten erfasst wurden. Anders als beim Human01-Project. Erstmals wollen die Experten Bildmaterial aus den Nervenbahnen extrahieren, um die kryptischen Daten der inneren Sprache der Testperson damit sinnvoll zu ergänzen. Ein gewagtes Unterfangen, aber wissenschaftlich hoch interessant.

Udo sitzt in seinem Rollstuhl und beginnt zu zucken. Genauer gesagt breiten sich von der Einstichstelle an seinem Arm – ganz gleich dem Welleneffekt, wenn man einen Stein in einen Teich wirft – krampfhafte Hautwölbungen aus, die in einer elektrischen Kurzbewegung von Udos Hand enden. „Das ist normal, keine Sorge. Wir bleiben noch zur Beobachtung. Diese muskuläre Anomalie sollte sich in wenigen Minuten erledigt haben“. Albert wird unruhig und fragt sich, warum ausgerechnet er bei diesem Versuch dabei sein sollte und wieso sich kein Vorgesetzter blicken lässt. Es wäre schließlich angemessen, dass die „Verantwortlichkeit“ der [INST], wie die Kollegen scherzhaft die [beliebig austauschbaren Leitungspersonen] sprachlich verunglimpften, anwesend ist. In Albert formten sich unterschiedliche Emotionen und Kognitionen heraus, Wut, Trauer, Angst und verbanden sich zu einem explosiven Cocktail. Was Albert nicht weiß, ist, dass die Forschungsgruppe als auch die [austauschbaren Leitungspersonen] zu der Übereinstimmung kamen, die Injektionserfahrung für Udo in einem gewohnten Kontext stattfinden zu lassen, der eben nichts außergewöhnliches implizierte, wodurch „zwischenmenschliche Unannehmlichkeiten“ – wie es ein Beteiligter der Runde formulierte – vermieden werden sollten. Udo indes hört auf zu krampfen, fast so – nach Alberts Interpretation – also wolle er signalisieren: Es ist alles in Ordnung, Albert, atme durch!

Es war nicht schwierig, die Einverständniserklärung für das Vorhaben von Udos gesetzlichem Vormund einzuholen. Seine Schwester, Gabriele, hätte alles unterschrieben, um ihrem Bruder so etwas wie Erleichterung zu verschaffen. Seit Jahren hoffte sie, etwas für Udo tun zu können, nach all den Versuchen, ihm einen Heimplatz zu verschaffen, der ihr kein schlechtes Gefühl bereitete – dadurch, dass die Atmosphäre in allen Einrichtungen, die sie besuchten, sofort, unumstößlich schrecklich war, ohne, dass Gabriele dies hätte näher erklären können –, was sich letztlich als Unmöglichkeit herausstellte, und sie lernen musste, die Aussichtslosigkeit der Lage zu akzeptieren. Es gab keine Wohnmöglichkeiten außerhalb stationärer Einrichtungen für Udo. Der Pflege- und Betreuungsaufwand war so hoch, dass niemand für eine ambulante Unterbringung plädierte, Ämter, Ärzte und sogar Betreuungsvereine, die in ihrer Selbstbeschreibung das Wort „humanistisch“ verwendeten, sahen keine andere Möglichkeit, zumindest nicht in diesem Sozialsystem, das in Deutschland existierte, aber trotzdem – von allen einhellig bestätigt – eines der besten weltweit sein sollte. Diese Formulierung ging Gabriele noch lange durch den Kopf, sie nistete sich dort förmlich ein und sie konnte nicht verstehen, wie etwas, das hochentwickelt und „derzeit das beste“ sein sollte, dennoch so defizitär erschien, so augenscheinlich inhuman, bis in die kleinste Alltagshandlung hinein formalisiert, bürokratisiert, aber nicht so, dass es den Anschein von gut organisierter, professioneller Hilfe erweckte, sondern eher starr wirkte, unflexibel und unpersönlich. Gabriele erinnerte sich oftmals an das „verhängnisvolle“ Gespräch mit der [beliebig austauschbaren Leitungsperson], das darin resultierte, dass Udo in seine derzeitige Situation, seine momentane Beherbergung in einer geschlossenen Gruppe, in dieses Stillleben mit dem passenden Titel „Trostlosigkeit mit Blick auf Birke“ verbracht wurde. Dieses „verhängnisvolle“ Gespräch wurde einberufen, da Udo eine Betreuerin schlug, ihr einen Hieb mit dem Ellenbogen verpasste, beim abendlichen Umziehen, in einer Situation, die alle am Gespräch Beteiligten als „unglücklich, aber unhaltbar“ bezeichneten, da sich Udo schon vorher immer wieder in kurzen Phasen von sogenannter „Fremdaggression“ befand, oftmals bei derselben Betreuerin – doch dies wurde von den am Gespräch Beteiligten verschwiegen. Stattdessen riet man Gabriele, über einen Umzug in eine geschlossene Gruppe nachzudenken, dort, wo die härteren Fälle untergebracht sind, natürlich nur vorrübergehend, aber zumindest so lange, bis sich Udo stabilisiert habe. Die am Gespräch Beteiligten erzählten von den Erfolgen, die man mit dieser besonderen Wohnform hatte, die sich darin zeigten, dass Bewohner, die auffällig und zu Gewalt neigten, nach ein, zwei Jahren „lammfromm“ wurden – wie es die [beliebig austauschbare Leitungsperson] formulierte und dies damit erklärte, dass diese Wohnform für die Bewohner einen emotionalen Halt darstelle, den sie bräuchten, durch den sie lernten, sich wieder in sozialen Beziehungen angemessen zu verhalten. Wie dieser emotionale Halt genau aussah, dass das Fundament der dortigen Behandlung die durch allerlei restriktive Maßnahmen erzwungene Einhaltung von Regeln war und das Ganze wenig mit Fürsorge oder menschlicher Zuwendung zu tun hatte, verschwieg die [beliebig austauschbare Leitungsperson]. Stattdessen sagte sie zu Gabriele: „Ich weiß, das ist eine schwierige Entscheidung, aber sie ist unvermeidlich. Wir würden uns nur sehr ungern von Udo trennen, wirklich, aber mir bliebe in diesem Fall nichts anderes übrig, müssen sie wissen. Ich meine, sie können sich auch nach einer anderen Einrichtung umsehen, doch dort wird es irgendwann auf dieselbe Entscheidung hinauslaufen, befürchte ich“ und schob ihr am Ende dieses kurzen Monologs einen Teller mit Keksen zu – der sich in der Mitte des Tisches befand und in den sich noch niemand gewagt hatte, hineinzugreifen –, auf eine Art und Weise, die einprägsam war: Er schob seine Hand, in einer offenen, gebenden Haltung, unter den Teller, so dass sich dieser zur Hälfte in seiner Handfläche befand, neigte seinen Kopf leicht nach hinten, wodurch sich ein Teil seiner blanken Kehle offenbarte, und zog seine Augenbrauen nach oben, wahrscheinlich um unschuldig und freundlich zu wirken, Doch sein Mund verriet ihn, den Ernst, die Aggression, die Drohung, die hinter dieser Geste steckten, denn dieser Mund war so starr und unter Spannung, dass er ihn nur zu einem angedeuteten Lächeln befähigte. Gabriele fühlte sich an schlechte Filme erinnert, so affektiert war das Gebaren der [austauschbaren Leitungsperson], so offensichtlich auf Effekt ausgerichtet, dass dieser fast komplett konterkariert wurde, doch gleichsam spürte sie die Verengung in ihrer Brust, die nur eine existentielle Verzweiflung hervorrufen konnte, denn sie wusste, dass sie keinen anderen Heimplatz finden würde, nicht so schnell, nicht unter einem Jahr, also gab sie sich einverstanden mit der geschlossenen Unterberingung und erinnerte sich noch lange an die Siegesfreude im Gesicht der [austauschbaren Leitungsperson]. Gleichsam bewarb sie sich umgehend nach diesem Gespräch bei anderen Einrichtungen. Bisher ohne Erfolg. Als sie von dem Forschungsprojekt erfuhr war sie erleichtert, denn – so verstand sie es – ging es darum zu beweisen, dass ihr Bruder ein Mensch war und nicht bloß ein Ding, wenngleich eine konstante Verunsicherung blieb – immerhin handelte es sich bei dem Experiment um einen Eingriff an Udos zentralem Nervensystem. Die Absagen im Briefkasten von anderen Heimen waren der letzte Anstoß, der dazu führte, dass Gabriele ihre Unterschrift unter das Dokument mit dem Titel „Einwilligung zur Teilnahme an einer experimentellen Studie“ gab.

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter packen ihre Sachen zusammen, legen die Ersatzinjektionen feinsäuberlich in eine dafür extra gefertigte, isolierte Stofftasche, stecken die etwas mit Udos Blut verschmierten Wattebausche in einen kleinen Müllbeutel und verschließen diesen. „Wir sehen uns morgen, Udo“, sagt einer der beiden und nickt in Udos Richtung, dann in Alberts, der nun Nervosität in sich spürt, beginnend bei einem Zittern in seinen Händen, zunächst in die Nähe des Handgelenkes, dann bis in die Finger vordringend. Sie scheint ein Vorbote dafür zu sein, dass Albert in dieser Nacht immer wieder nach Udo sehen – auf seiner ersten Nachtschicht wohlgemerkt, die eine Übernachtung in der Wohngruppe erfordert –, vor seinem Flur auf und ab schleichen und sich unterschiedlichste Horrorszenarien – die den kalten und brutalen Tod Udos beinhalten – ausmalen wird. Es scheint, als wäre sein Körper seiner eigentlichen Zeit voraus, als würde dieser bereits erkennen, was Alberts Psyche erst nach und nach und teilweise gar nicht bewusst werden wird, nämlich, dass er diese Nacht allein mit Udo sein und sich für ihn in einer Art und Weise verantwortlich fühlen wird, wie es noch nie zuvor der Fall war.

Jetzt in diesem Moment, in dem die dicke Holztür der Wohngruppe sich hinter den wissenschaftlichen Mitarbeitern schließt und Udo überhaupt nichts tut, schießen Klaus Weißkopf, Baal Rüttgers und Verginia Motz mit immenser Geschwindigkeit durch einen dunklen Kanal, in dem sie nur kurze Aufblendungen ihrer Umgebung wahrnehmen können, genau dort, wo die Scheinwerfer in ihrem Trudelflug auftreffen, die nichts weiter offenbaren als rotes, pulsierendes Material, in unterschiedlicher Masse und Form. Sie hören dumpfe Schläge, wie sie auf die – laut Verginia Motzs in genau diesem Moment gefällten Urteil – viel zu dünne, metallene Hülle um sie herum niedergehen und dabei – zumindest bei Klaus Weißkopf – Assoziationen des Krieges auslösen, tonal an das Fallen von Bomben in Straßenzüge erinnern. Sie hatten mit einer holprigen Fahrt gerechnet, doch jetzt, wo sie blind und unkontrolliert in einer dunklen Röte treiben und das Donnern ihnen ebenso aufs Gemüt wie auf die Außenhaut ihres Gefährts schlägt, fragt sich zumindest Verginia Motz, ob ihre Konstruktion dieser unerwarteten physiologischen Gewalt standhalten kann. Baal Rüttgers sitzt starr und mit geöffnetem Mund in seinem gepolsterten Sitz. Seine Fingernägel sind in seine Oberschenkel vergraben und stoßen immer weiter in die Untiefen seines eigenen Fleisches vor, bis ihm schließlich bewusst wird, dass er, der von einer ungewöhnlich ausgeprägten Flugangst geplagt ist – die sich bspw. darin äußert, dass er nicht einmal Flugzeuge am Himmel beobachten kann, ohne dass ihm die Beine weich werden – tatsächlich so bescheuert war, sich auf diesen Selbstmordtrip einzulassen und er fragt sich, ob ihm sein Ego nun endlich den schmerzhaften und kalten Tod verschaffen würde, auf den er stets spekulierte. Die Anzeigen vor Klaus Weißkopf, die gerade noch einigermaßen den Status ihres Gefährtes erfassen können, verwandeln sich in ein leuchtdiodisches Feurwerk, während die drei weiter in die rote Dunkelheit hinabstrudeln. „Hab ich dir eigentlich je gesagt, dass es mir leid tut“, murmelt Baal Rüttgers, mittlerweile knochenweiß im Gesicht, worauf Verginia Motz sich umdreht und versucht ihn zu ohrfeigen, doch in ihren Sicherheitsgurten fest verankert bleibt. „Du wirst mir jetzt nicht reumütig.“ schreit sie und drückt einige Knöpfe, die alarmierend blinken. „Wir müssen lediglich die Stabilisatoren in Gang kriegen, wir sind noch auf Kurs“. Baal Rüttgers verkneift sein Gesicht und holt in ihm das hervor, was ihm all die Jahre lang gut gedient hatte, ein Verständnis von Männlichkeit, das darin bestand, sich für hart und unnachgiebig zu halten und immer ein wenig schlecht gelaunt zu sein, so dass es ihm gelang, emotionales Störfeuer unter Kontrolle zu halten – er sitzt einfach nur da, wie ein Fels, der er gerne wäre.

Udo hingegen wird jetzt bettfertig gemacht – die letzte Stunde verbrachte er am Fenster, verweigerte wieder einmal sein Abendessen und durfte – wie Beate es formulierte – daher etwas früher ins Bett gehen, es war schließlich ein aufregender Tag. Albert hebt Udos Arm an und schiebt einen dicken Schwamm darunter, aus dem etwas Seife trieft. Dabei versucht er entspannt zu wirken, wenngleich ihm seine Nervosität nun immer bewusster wird, woraufhin er ebenfalls versucht, Udo zu beruhigen, mit einigen Floskeln, die er im Betreuungsalltag nicht nur von Kollegen aufgeschnappt hat, sondern mittlerweile selbst gerne verwendet: „Alles wird gut, mein Lieber“, „kommt Zeit, kommt Rat“, „nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“. Udos Arm zuckt erneut, ganz ähnlich wie heute Nachmittag, nach der Infektion, und drischt mit einer Wucht, die Albert als ziemlich heftig erfährt, in das Waschbecken, worauf sich das darin befindliche Waschwasser auf dem Boden verteilt und der kleine Rest, eine im Waschbecken verbliebene, seifige Pfütze, eine rote Färbung erhält.

„Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut.“ Verginia Motz weißt Klaus Weißkopf auf einen Druckanstieg im umgebenden Gewebe hin und nur wenige Sekunden später macht sich dieser Umstand durch noch lautere Schläge bemerkbar und durch ein gewaltsames Rütteln, das nun erste Instrumente, Anzeigen und Knöpfe, unbrauchbar macht, indem es sie aus ihren Fassungen treibt. „Wieso verlieren wir Blut, was soll das? Sofort in den venösen Bereich wechseln, Verginia, schieß das Trident raus“. Ein Geräusch erklingt, das sich wie eine Explosion unter Wasser anhört, und ein Metallhaken, an dem sich ein Seil aus Bioplastik befindet, schießt in die Wände des Kanals, in dem sich das Gefährt bewegt, und verhakt sich dort. Verginia Motz bedient Knöpfe und einen Steuerknüppel, worauf sich das Gefährt in Richtung Kanalwand bewegt, während Klaus Weißkopf versucht, die Instrumente notdürftig zu reparieren und Baal Rüttgers in seinen Stuhl gekrampft kaum aus seiner dicken Hornbrille herausblicken kann. „Wir sind drin!“ schreit Verginia Motz, worauf Klaus Weißkopf sie anweist, den Weg wie geplant fortzusetzen und sich auch das Rütteln augenblicklich auf ein Maß reduziert, das für die drei Piloten körperlich erträglich ist.

Udo liegt im Bett, mit einem Druckverband an seinem Arm und Albert sitzt neben ihm, was er zuvor noch nie getan hat. Er betrachtet Udo, das sachte Auf und Ab seines Brustkorbes und er denkt über seinen Schützling nach und wundert sich, dass er ihn plötzlich als seinen Schützling empfindet, wo er bis dahin einfach nur Udo, ein Bewohner, war und er denkt darüber nach, welchen Spitznamen Udo in der [INST] hat und mit welcher Wonne dieser manchmal während der Zigarettenpause von den Kollegen im Mund geführt wird: Fallobst. Er sieht sich in Udos Zimmer um, in dem nichts steht, außer dem Bett, indem Udo nun etwas unruhig wird. Die Kargheit, in der sich beide befinden, hatte ihren Ursprung in der sich wiederholenden Zerstörung des Mobiliars durch Udo und der daraus resultierenden Entscheidung der [austauschbaren Leitung], dass es keinen Sinn mehr machen würde, ihm noch weitere Möbel zu kaufen, da er diese – so die Annahme – auch nur wieder zertrümmern würde. Es gibt noch einige andere Bewohner, die so leben, dahingehend ist Udo keine Ausnahme und man versuchte diesen Umstand stets so zu erklären, das derjenige, der in einem derart reduzierten Umfeld lebte, dies auch benötigte, da er mit vielen Reizen, wie sie etwa Sessel oder Schreibtisch auslösten, nicht umgehen konnte. Wie Udo das fand, weiß natürlich niemand, denn er verrät es nicht. Albert findet es aber – jetzt, genau in diesem Moment, in dem er dasitzt und auf Udos Atem achtet – unmöglich, er ärgert sich richtiggehend darüber, wie sein Blick, der gelegentlich etwas anderes sucht als Udos Brustkorb, beständig im Nichts der kalten, weißen Wände endet. Und er denkt darüber nach, dass auch Udo sich ärgern könnte, wenn sein Blick hier ins Leere läuft, gerade weil er diesen so lange geschult hatte, durch das wochenlange Fokussieren auf die weißbraune Rinde der erbärmlichsten Birke der Welt. Udo hat etwas Besseres verdient, denkt Albert und er denkt darüber nach, wie er dies vielleicht ermöglichen könnte und sofort fallen ihm die wöchentlichen Teamsitzungen ein, die zumeist in ein wildes Schimpfen und Schachern um Aufgaben, die gemacht werden müssen, ausarten. Albert stellt sich vor, wie er diesen Vorschlag, das Zimmer Udos wieder zu möblieren, in die Diskussionsrunde einbringen und wie umgehend zwei Kollegen nein sagen und ihre Arme zu Schranken verschließen werden; wie Beate versuchen wird, den daraufhin entstehenden Disput zu schlichten, indem sie an die Vernunft der Teilnehmer appelliert, relativ hilflos; wie Kerstin das für eine gute Idee halten, sich aber von Doreen sofort unter Druck setzen lassen und letztlich doch dagegen stimmen wird. Albert seufzt und schließt für einen Moment seine Augen.

„Hättest du jemals gedacht, dass so etwas möglich sein wird, Verginia?“ Das Gefährt, in dem sich das SPEC-Team befindet, treibt durch ein ständig aufleuchtendes, bläulich zuckendes Labyrinth, einem unendlich ausgedehnten Drahtzaun gleich, durch dessen einzelne Streben Blitze zischen. Dazwischen befindet sich oder besser wabert etwas, das aussieht wie grüner Nebel, der sich langsam in Tau verwandelt und man ihm bei diesem Übergang zusehen kann, wobei er in noch weiteren, unzähligen Farben aufschimmert, jedes Mal, wenn man versucht, ihn visuell zu fixieren und dabei unendlich zu sein scheint und im ständigen Wandel. Aus dem Gefährt ragt eine kleine Antenne, an der ein loses Kabel baumelt, an dessen Ende es sich in fünf weitere Kabel aufteilt, an deren Enden wiederum kleine Lämpchen periodisch aufleuchten. „Alles nur, weil ein wohlhabender Mann einen Fantasyfilm für Kinder gesehen hat“, fügt Klaus Weißkopf hinzu, blickt von seinem Notizbuch auf und zu Verginia Motz hinüber, mit einem vagen Lächeln im Gesicht. „Nun ja, Fiktion und Realität sind miteinander verbunden, sind zwei Gegenstandsbereiche, die sich ständig befruchten. Jede Idee drängt auch immer irgendwie nach ihrer Realisierung. Also eigentlich ist es absolut nachvollziehbar, das wir hier sind. Allerdings ich, ganz persönlich, finde das irre.“ Klaus Weißkopf legt seinen Stift zur Seite. „Also du meinst Ideen sind das Eigentliche und alles Materielle schließt sich diesen an, muss sich diesen letztlich fügen?“ Baal Rüttgers, der seine Fingernägel mittlerweile aus seinen Beinen entfernt hatte und nun etwas breitbeinig dasitzt, wie er es gern zu tun pflegte, und in einem Buch stöbert, während er hin und wieder den Ablauf der Versuchsanordnung auf einem Monitor verfolgt, schaut ebenfalls auf und verzieht seine Unterlippe. „Nun ich bin keine Idealistin und ich bin keine Materialistin. Ich verstehe – letzten Endes, im abstraktesten aller Sinne – das Verhältnis von Geist und Materie nicht, aber ich bin Ingenieurin und als Ingenieurin weiß ich, dass es die tollkühnsten Ideen gibt, die sich letztlich, auch wenn man Jahrzehnte warten und ein unfassbar großes Vermögen dafür ausgeben muss, realisieren, d.h. in materielle Realität umsetzen lassen. Meine Position in diesem uralten philosophischen Streit ist also nicht die gleiche wie deine, Klaus, ich bin keine Geisteswissenschaftlerin. Meine Position ist pragmatischer Natur, denn ich habe Ideen, die ich baue und die ich anfassen kann, die eine bestimmte Funktion erfüllen und damit tatsächliche Veränderung in der materiellen Realität auslösen. Es geht mir also nicht so sehr ums Denken und was zuerst da war, Geist oder Materie. Ich benutze beides und erziele Resultate.“ Klaus Weißkopf dreht sich zu Verginia um. „Fühlst du dich vielleicht gerade etwas angegriffen? Ich kenne deine Position, ich kenne dich schon länger. Und auch für mich – den du Geisteswissenschaftler schimpfst – ist diese Frage nicht zu beantworten. Auch ich kenne das letzte Verhältnis zwischen diesen beiden Phänomenbereichen nicht oder Konzepten oder wie man diese zwei Ideen auch immer bezeichnen will. Und ja, wir müssen es auch nicht wissen. Aber spannend ist es schon.“ Baal Rüttgers legt seine Hand in die Hüfte, so dass seine Fingerspitzen nur wenige Zentimeter von seinem Geschlecht entfernt sind. „Ihr beiden labert schon wieder totalen Scheiß! Das ist es, was mich an dieser ganzen Mission stört, es fehlt das methodologische Gerüst. Ihr wisst doch nicht einmal, worüber ihr redet. Ihr benutzt Begriffe, ohne diese vorher sauber definiert zu haben, womit ihr am Ende überhaupt nichts aussagen könnt, geschweigen denn die Frage zu klären, wie das Verhältnis von Geist und Materie überhaupt zu denken ist.“ Baal Rüttgers Stimme war sehr tief, als er soeben seine Kritik äußerte und dies war ein tonaler Modus, der im nur selten bewusst wurde, der jedoch den Zweck hatte, den Gesprächspartner einzuschüchtern, eine Methode, die er von unzähligen männlichen Vorbildern im Laufe seines Lebens gelernt hatte, natürlich ebenfalls nicht bewusst, sondern beiläufig sickerte ihm dieses Wissen ein, wie man in einem Streitgespräch zu seinem Recht kommen konnte und jetzt, genau in diesem Moment der Stille, nach seinem Einwurf, wird ihm diese Strategie klar, sie tritt ans Licht, wie schon einige Male zuvor in seinem Leben, jedoch nur, um danach wieder in die tiefe Versenkung seines Bewusstseins niederzugehen. Er spürt einen ziehenden Schmerz im Nacken. „Du überheblicher Schwätzer, das kannst du, in der Ecke sitzen, niemals irgendeine Position beziehen und die Leute anblaffen. Aber zumindest weiß ich, dass du deinem eigenen Anspruch nicht gerecht wirst. Auch du hast keine Antworten, selbst wenn du sie gerne hättest und das frustriert dich so, dass du niemand anderem mehr zuhören kannst, sondern jeden in seinem Reden und Denken unterbrechen musst. Das ist nicht nur eine intellektuelle Unredlichkeit, das ist feige!“ Verginias Motz Kopf glüht. Klaus Weißkopf sieht Baal Rüttgers streng an. „Lieber Kollege, Sie können ihre Kritik in diesem Forschungsprozess stets äußern. Oftmals ist dies auch sehr hilfreich. Wir führen hier allerdings ein privates Gespräch und ihr Ton ist äußerst unangemessen. Also halten Sie sich zurück.“ Rüttgers gab einen zustimmenden Grunzlaut von sich und drehte sich in seinem gepolsterten Stuhl einmal um 180 Grad. „Und außerdem bist du ein Chauvischwein!“, schreit Verginia Motz und entschuldigt sich augenblicklich bei Klaus Weißkopf für diesen Ausrutscher. „Wir sollten uns darauf konzentrieren, warum wir hier sind. Wir möchten Ideen im Kopf der Testperson finden. Wenn wir das geschafft haben, können wir uns über den Rest streiten.“ Das Gefährt schwebt weiter durch den bunten Nebel, bis die periodisch aufleuchtenden Lämpchen am Ende des Kabels erlöschen.

Udo öffnet seine Augen und Albert wartet schon ungeduldig. Sein Schlaf war unstet gewesen, immer wieder unterbrochen von kurzen Wachphasen, wenn er etwa aufschreckte, sobald Udos Atem lauter wurde oder ihm ein kurzes Stöhnen entglitt. Dementsprechend wund fühlt sich Alberts Gesicht an, fragmentiert schon fast, einige Teile wirken wie gelähmt, etwa seine Augen, verkrustet, klebrig und schwer zu öffnen. Er hilft Udo sich aufzurichten und noch ehe er begreifen kann, dass sein Schützling wachgeworden ist, tut dieser etwas, was allgemeinhin als eine Unmöglichkeit galt und sich niemand im Nachhinein so richtig erklären konnte. Udo sagt „Sonne“, woraufhin Albert zunächst verdutzt dreinblickt, bis er nachfragt, immer panischer wird und schließlich hinausrennt in den Flur, zum Dienstzimmer und dort eine schlecht gelaunte Beate vorfindet, der er von diesem Ereignis erzählt und sich gar nicht mehr richtig einkriegt. Udo sitzt derweil aufrecht in seinem Bett und sieht durch das kleine Fenster am Ende des Bettes, das auf der großen weißen Wand etwas verloren wirkt, direkt in die Sonne bis Albert zurückkommt, mit einer sichtlich genervten Beate, und ihn bittet das Ganze noch einmal zu wiederholen, doch Udo sitzt bloß da und starrt. „Wow“, sagt Beate und verzieht ihr Gesicht auf eine ihr typische Art und Weise, die Albert bereits kennenlernen durfte und die so viel bedeutet wie „warum verschwendest du meine wertvolle Zeit“. „Machst du ihn bitte fertig? Und lass dir mal nicht zu Kopf steigen, dass Udo nun eine kleine Berühmtheit ist, ja? Das ist derselbe Udo, den du letzte Woche noch als unaushaltbar bezeichnet hast, also bitte, mach deine Arbeit.“

Klaus Weißkopfs Mund steht offen und ein kleiner, sehr unscheinbarer Tropfen Sabber läuft seinen linken Mundwinkel herab, während Verginia Motz und Baal Rüttgers über der Auswertung der erhobenen Daten sitzen, lautlos, nur manchmal stöhnt Rüttgers, wenn er meint, etwas Interessantes entdeckt zu haben, von Motz dagegen ist nicht einmal ihr Atem zu hören, sie sitzt da wie ein fleischgewordener Geist. Sie werten Sinnesreize und deren relationale, biologische Niederschläge in Udos Nervenzellenstrukturen aus, indem sie die Daten interpretieren, die von dem cleversten Algorithmus, den Verginia Motz je geschrieben hat, produziert wurden[3]. Auf dem Bildschemen, das ihrer derzeitigen Interpretation zu Grunde liegt, ist ein weißes Geäst zu sehen, das sich, nach langem Feintunen und Rekurrieren auf die bordinterne Bilddatenbank, als Birke interpretieren lässt, was Verginia schließlich zu einem Ausruf an Freude veranlasst, denn es ist das erste Bild in Kombination mit einer entsprechenden Datensequenz, das Sinn macht. Klaus Weißkopf wacht auf und sein Kopf schießt einen halben Meter nach vorne, doch er kann sich gerade noch abfangen und verhindert dadurch einen Sturz vor Baal Rüttgers Füße, während er noch ein deutlich verschlafenes „was is los?“ von sich geben kann. „Also, das könnte wirklich was sein, es könnte wirklich was sein.“ Baal Rüttgers beugt sich zu Verginia Motz hinüber und wirft einen Blick auf den Bildschirm, während er nach ihren Notizen greift. Sein Blick geht zwischen Monitor und Blatt Papier auf Wanderschaft, springt zwischen Codezeilen und Teilbildern hin und her. Er notiert etwas in Motzs Aufzeichnung, grunzt zustimmend. „Ich glaube, du hast wirklich was gefunden.“ Jetzt steht Klaus Weißkopf auf, als habe er auf die Bestätigung von Rüttgers gewartet und schnappt sich die Notizen, um die sich die drei Wissenschaftler gemeinsam versammeln. „Ist das die aneinandergereihte Sequenz? So wie du sie interpretieren würdest?“ Baal Rüttgers antwortet mit einem knappen, aber leicht freudigen ja. „Und du stimmst dem zu?“ Verginia Motz überfliegt Rüttgers kurze Notiz und kann nicht anders, als ebenfalls kurz und deutlich freudiger zu nicken. „Es ist…nun ja, eigenwillig. Es ist fast ein bisschen…“ Baal Rüttgers unterbricht Weißkopf: „Banal? Ja, das ist es. Aber wer sind wir, über die Gedanken eines Menschen in dieser spezifischen Entwicklungssituation zu urteilen?“ Klaus Weißkopf weiß darauf keine Antwort, stattdessen versucht er sich zu entscheiden zwischen zwei dominanten Gefühlen, die sich in ihm auftun: Erleichterung und Enttäuschung, die sich abwechseln wie zwei Schauspieler, die kurze Monologe halten und dann der eine hinter die Kulissen verschwindet, während der andere nach vorne auf die Bühne tritt. Erst tritt Konrad Georg hervor, in seiner typisch begeisterungsfähigen Art und gratuliert zu diesem einmaligen Fund, um zugleich von einem gesichtslosen Wissenschaftskollegen abgelöst zu werden, der nichts weiter von sich gibt als das Wort „belanglos“. Ein anderer Kollege äußert Kritik an der Methode und weist auf Ungereimtheiten im Code des Algorithmus hin, die Klaus Weißkopf natürlich kennt, Motz hatte ihm diese erklärt und auch, dass eine andere Programmierung überhaupt keine Ergebnisse produzieren würde. Klaus Weißkopfs Frau wirft ihm einen Handkuss zu und sein alter Mentor bleibt völlig ausdruckslos. Baal Rüttgers tippt ihn an. „Wenn wir also diese kurze Sequenz, du siehst, ich habe alle unrelevanten Füllwörter herausgestrichen, mit den Bilddaten vergleichen, kommen wir auf ein – ich würde schätzen zu 89% – zutreffendes Interpretationsergebnis. Es geht um diese beschissene Birke.“ Klaus Weißkopf setzt jetzt alle Wörter zusammen und lässt diese in sich ablaufen:

Diese verkackte, kleine Scheiß Birke, verkackte Birke. Mich

Kotzt die Birke an. Verkackte Birke. Eine verkackte Bude

Verkackte Birke, verkackte Bude, gehtnichtmehr, verkackt, verkackt, verkackt. Scheiß Birke

Saublöde. Scheiß Saublöde Birke. Ah, ArschAlbert, ArschAlbert.

Verkackter ArschAlbert, Arsch. Verkackte Birke, verkackt…

Albert schiebt Udo in den Gruppenraum und stellt ihn an seinen Lieblingsplatz. „Guck, Udo, da ist das Fenster, das Fenster!“, sagt er und betont die Worte, als spreche er mit einem Kleinkind, mitten in diesem kargen Zimmer, mit der heruntergekommenen Schrankwand darin, die jemand vom Sperrmüll angeschleppt hatte, auf der einige fast vollständig eingestaubte Überraschungseierfiguren stehen und der Fernseher – im mittleren Fach, genau dort, wo Fernseher hingehören – Tag und Nacht lautlos vor sich hin flimmert. Wahrscheinlich war dieser Raum, mit seinem gesamten Interieur und den sich in ihm befindlichen Personen, nie trostloser als jetzt, in diesem Moment, in dem Albert auf ein Wunder hofft und etwas in sich spürt, das man gemeinhin als soziales Engagement bezeichnen könnte – den glühenden, unbedingten Willen, etwas für einen anderen Menschen zu tun, auch wenn ihm gar nicht bewusst ist, was er damit eigentlich bezwecken will. Er will einfach nur, dass Udo spricht.

  • „Das ist eine Fernbedienung“, Albert hält Udo die Fernbedienung vor die Nase.
  • „Hier ein Teller, sag mal Teller, Teller!“, Albert zeigt auf Udos Teller mit seinem Mittagessen darauf, Haferpampe, und klimpert mit der Gabel darauf herum.
  • „Klopapier, sag doch mal Klopapier“, Albert zeigt Udo eine Rolle Klopapier, bevor er davon ein Blatt abreißt und sich hinter Udo beugt.
  • „Guck mal, da kommt Sandra, sag doch mal Sandra!“, Albert zeigt auf seine Kollegin, die ein bisschen verdutzt guckt und dann abwinkt.
  • „Das ist ein Smartphone, guck mal ein Smartphone!“, Albert zeigt Udo sein Smartphone und tippt darauf herum, Udo holt kurz Luft: „Sm…“, „Ja“ schreit Albert, doch Udo hält inne.

Jetzt macht Albert Udo nachtfertig. Dieser Tag ging schneller vorüber als die anderen, so fühlt es sich für Albert an und er hätte gerne noch länger Zeit mit Udo verbracht und wie er so diesen Tag Revue passieren lässt – ganz kurz nur, denn mehr Zeit bleibt in diesem Moment nicht, als er Udo das T-Shirt über den Kopf zieht – stellt er fest, dass er seit langem mal wieder so etwas wie Freude empfand. Nach der Wäsche bringt Albert Udo ins Bett und er tut etwas, was er noch nie getan hatte, er pfeift ein Lied und nach wenigen Minuten, in denen er sieht, dass Udo irgendwie positiv darauf reagiert – man kann fast davon ausgehen, dass Udo grinst – fängt er an zu singen, den Song, den sein Vater ihm immer vorgesungen „Well it ain’t no use to sit and wonder why, babe, ifin‘ you don’t know by now…“, bis Udo einschläft.

„Meinst du das reicht, erstmal?“, fragt Klaus Weißkopf und tippt einen Archivierungsbefehl in die Kommandozeile seines Bordcomputers. „Nun ja, es muss reichen. Die Extraktion erfolgt in…“ Verginia Motz sieht auf ihre Armbanduhr „…in genau 12 Stunden und 34 Minuten. Bis dorthin sammeln wir, was wir in die Finger kriegen.“ Sie legt ihre Hand auf Klaus Weißkopfs Schulter. „Ich denke es wird reichen.“ Baal Rüttgers sitzt derweil am Auswertungspanel, das er komplett für sich vereinnahmt hat, während seine Kollegen mit den administrativen und logistischen Vorbereitungen für die Extraktion beschäftigt sind, die Zeit und vor allem Aufmerksamkeit erfordern. Das Team hatte vier weitere Interpretation anfertigen können. Darunter waren einige Gedanken der Testperson zum Essen, über dessen Konsistenz und Geschmack, die unter anderem mit dem Begriff „Kacke“ assoziiert waren; weitere Segmente behandelten die möglichen Veränderungen der „bekackten“ Birke, wie diese aussehen könnte, wenn sie an einem anderen Ort stünde oder in einer Welt, die spiegelverkehrt ist – die Testperson spielte also gedanklich mit einer vertrauten Erscheinungsform, ein Umstand, den Klaus Weißkopf besonders freudig begrüßte und er sich darauf augenblicklich in einen ausgedehnten Monolog über Marx und dessen Gleichnis mit der Biene und dem Baumeister verirrte; die dritte große Interpretation betraf eine Angehörige der Testperson, in der sich positive Zuschreibungen befanden, Bekundungen von Zuneigung und Vermissen – es schien sich dabei um die Schwester der Testperson zu handeln; die vierte Interpretation machte das Team jedoch stutzig, die Daten waren lückenhaft und ungenau, mit starken Perturbationen der Amygdala verbunden. Es waren einzelne Namen in dem kryptischen Datencluster zu finden, „Hanno“ und „Sandra“, damit verbunden weitere Schimpfwörter und Bilddaten, die noch nicht ausgewertet werden konnten, deren Komplexität die Rechenkapazität des Bordcomputers deutlich überstieg. Verginia Motz vermutete beim Fund dieser Daten und den Aktivitäten in der Amygdala, dass die Testperson zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Gedanken Schmerzen empfunden haben musste, woraufhin das SPEC-Team eine Datensonde in den Bereich des Hippocampus entsendete, um weitere Gedächtnisdaten zu sammeln, die dieses unstete Bild vielleicht ergänzen konnten. Klaus Weißkopf drückt auf ein leuchtendes Panel und ein Steuerknüppel fährt unter der Konsole hervor. „Ich bring uns auf finalen Extraktionskurs, das kann etwas holprig werden. Baal Rüttgers gibt keinen Ton von sich, ist vertieft in die vierte Interpretation und Verginia Motz brüht – endlich, denn auf diesen winzigen Moment der Entspannung hatte sie seit Beginn der Mission hingefiebert – ihren Lieblingstee auf und gießt ihn in ihre alte Keramiktasse mit Goldrand. „Hast du deinen Wasserkocher eigentlich von der Sicherheitsabteilung prüfen lassen?“ „Klaus, ich habe dieses Ding gebaut, ich weiß ja wohl, was ich ihm zumuten kann und was nicht.“ Verginia Motz drückt auf den Einschalter des Wasserkochers und nur eine Millisekunde später erlischt das Licht im Gefährt, bis auf zwei Notstromleuchten über Verginias Kopf. In der Dunkelheit sind Klaus Weißkopfs und Baal Rüttgers Überraschung und Verunsicherung deutlich zu spüren, als wären diese ein räumliches Ereignis. Dann geht das Licht wieder an. „Ein bisschen Spaß muss sein, oder?“, sagt Verginia Motz, nimmt ihre Hand vom Sicherungskasten und genießt den dumpf verdutzten Anblick in den Gesichtern ihrer Kollegen.

Albert schiebt Udo in das Labor der wissenschaftlichen Fakultät, durch die große, mechanische Tür mit dem Sicherheitscode, hindurch, in einen Raum, der deutlich weniger technisch aussieht, als Albert angenommen hatte. Ungefähr in der Mitte der Örtlichkeit befindet sich eine rote Markierung in Form eines Xs und darüber eine Lampe, wie man sie aus Operationssälen kennt, weiterhin eine Ablage, auf der sich Injektionswerkzeug befindet. Albert gehen unterschiedliche Empfindungen und Erinnerungen durch den Kopf. Er erinnert sich an die Unterhaltungen mit den Kollegen beim Zigarettenrauchen, die anders waren, als die Wochen vor dem großen Experiment. Er spürte in diesen Situationen eine unterschwellige Feindseligkeit ihm gegenüber, die sich in spitzen Kommentaren der Kollegen und abfälligen Blicken äußerte, jedoch schien ihm diese nicht adressierbar zu sein – er hatte das Gefühl, sobald er darauf hinweisen würde, würden seine Kollegen beteuern, dass nichts sei, wie sie es stets taten, wenn es Konflikte gab. Er erinnert sich an die Unterhaltung mit der [austauschbaren Leitungsperson] jeden Abend des Experimentzeitraumes, wie diese ihn ausfragte, über Udos Verhalten und sein Befinden und in diesen Momenten wunderte sich Albert über das große Interesse an ihm und an Udo und genoss es natürlich auch, denn so etwas war äußerst selten. Die [austauschbare Leitungsperson] hatte in den letzten Wochen viel zu tun, um die vielen Termine mit der Presse zu koordinieren, auch wenn der erwartete Ansturm ausblieb und deutlich weniger überregionale Zeitungen und Fernsehsender Interesse an dem Thema zeigten. Die [austauschbare Leitungsperson] entwickelte sehr schnell eine ausgeprägte Neigung für die Arbeit am öffentlichen Image der [INST] und sah darin nicht nur eine Bühne für die eigene, ständig im Schatten der Gesellschaft stehende Persönlichkeit, sondern auch eine Chance für die Zukunft der [INST], sei es, um in den nächsten Verhandlungen mit den Kostenträgern deutlich selbstbewusster auftreten zu können oder um einfach nur das Ansehen der [INST] in der Bevölkerung zu verbessern. Es gab zu dieser Zeit die interne Order, dass alle Bewohner nur noch ordentlich angezogen und gewaschen das Außengelände betreten und Probleme größerer Art – also lautes Schreien, Schimpfen bis hin zum Randalieren – umgehend im Keim erstickt werden sollten, was dazu führte, dass einige Bewohner wochenlang – auch im Anschluss an die Extraktion des SPEC-Teams – ihre Wohngruppen nicht verlassen durften – eine Zeit, die im Nachhinein durch die Bezeichnung „die wunderbare Stille“ in die Alltagsgespräche und damit Erinnerungen des Personals übergehen sollte. Es war ganz klar, dass man während dieser erhöhten öffentlichen Aufmerksamkeit so wahrgenommen werden musste wie man wahrgenommen werden wollte und zwar als professionelle Helfer mit Herz – zudem noch mit einem christlichen Hintergrund, was den Herzaspekt umso wichtiger machte. Es war ein seltsames Schauspiel, das in diesen Wochen von statten ging, als wolle man mit Puder und Duftwässerchen den allerorts wahrnehmbaren Verwesungsgeruch überdecken – und Albert war mittendrin, er, der neue Posterboy, ein Aushängeschild für pädagogischen Einsatz und Aufopferung. Bemerkenswert war an dieser – nicht offiziellen und geplanten, sondern sich irgendwie organisch ergebenden – Werbekampagne der [INST], dass die eigentliche Hauptperson zu einer Nebenrolle wurde. Es ging nur selten um Udo und der eigentliche Zweck des Experimentes, einen Durchbruch in den Humanwissenschaften und damit einhergehend – auch wenn dies der sehr, sehr inoffizielle Zweck des Ganzen war – eine Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen am Rande der Gesellschaft zu erzielen, wurde verkürzt und gebrochen zu der offiziellen Aussage der [austauschbaren Leitungsperson] einem Reporter gegenüber: „Es geht darum, Menschen mit Behinderung mehr in die Öffentlichkeit zu bringen und auch damit zu zeigen, dass diese Menschen ganz viel können und den anderen Menschen in unserer Gesellschaft gar nicht so unähnlich sind.“ Albert freut sich dennoch über die Aufmerksamkeit und vielleicht freut sich auch Udo über die erhöhte Aufmerksamkeit von Albert und vielleicht hat er in diesem Moment Angst, in dem ihm von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter eine Injektionsnadel eingeführt und damit das SPEC-Team aus seinem Körper extrahiert wird, dass es bald wieder so werden könnte wie früher, als das Leben nichts weiter war als das Glotzen auf eine verkackte, kleine Scheiß Birke, eine verkackte scheiß, kleine Birke. Ja, vielleicht hat er Angst. Aber er grinst und alle um ihn herumstehenden Grinsen mit, aus welchem Grund auch immer.

Zweitens

Die Auswertung der Ergebnisse dauerte mehrere Monate, nicht nur, da das Verfahren sich durch etwaige informationstechnologische Komplikationen verzögerte, sondern ganz allgemein, da das Verfahren derart komplex war, dass selbst die geringste Abweichung vom Prozedere eine Kettenreaktion an Fehlern auslöste, die alle manuell nach und nach wieder behoben werden mussten, was zu teilweise stupidem Anklicken, Ausschneiden und Einfügen von Datensegmenten führte, womit nicht nur Baal Rüttgers seitdem beschäftigt war und sich seine Laune zusehends verschlechterte, sondern auch etwaige weniger gut qualifizierte Hilfskräfte, was das Prozedere teilweise zusätzlich verzögerte. Die meisten, die sich in dem großen Besprechungsraum der [INST] befinden an diesem Tag, wissen nichts von dem immensen intellektuellen, finanziellen und strukturellen Aufwand, der hinter den rekonstruierten kleinen Videos liegt, die sich jetzt auf Konrad Georgs USB-Stick befinden, der sich wiederum in einem Laptop befindet, der an einen Beamer angeschlossen ist. Die Beteiligten wissen lediglich, dass es gleich unangenehm werden könnte, denn neben den für das Experiment zuständigen Wissenschaftlern sind auch Vorsitzende führender Sozialverbände anwesend und auch einige Anwälte haben sich in dem holzmöblierten Raum eingefunden. Was die Anwesenden, die [austauschbaren Verantwortlichen] der [INST] ebenfalls wissen, ist, dass die Hauptthese des Experiments, dass sich tatsächlich sprachliche Denkmuster in Udos Kopf befinden, zum großen Teil bestätigt werden konnte, zumindest sickerte dieses Wissen aus den wissenschaftlichen Fachdiskursen auch in die Alltagswelt der [INST] hinein und natürlich nahm auch Udos Schwester, Gabriele, immer wieder Bezug auf die derzeitigen Studien, um für Udo eine Verbesserung der Wohnqualität zu erreichen, was aber letztlich nur durch einen Umzug in ein freundlicheres Umfeld[4] gelang. Es konnte sich also eigentlich nicht um eine Ergebnispräsentation im engeren Sinne handeln, so etwas war auch im Voraus nie vereinbart worden. Konrad Georg spricht ein paar Begrüßungsworte, die man als freundlich deuten könnte, jedoch liegt auch eine gewisse Anspannung in seiner Stimme. Die unterschiedlichen Gäste stellen sich vor und ohne weitere Gespräche spielt Konrad Georg eine Videosequenz ab, die über den Beamer an die Wand geworfen wird. Darauf ist Udo zu sehen, sein Zimmer und eine weitere Betreuungsperson[5], für ca. eine Minute, dann beginnt eine Folge aus unterschiedlichen Szenen, die nacheinander ablaufen:

  1. Udo sitzt am Mittagstisch und wird von der Betreuerin Sandra C. gefüttert; er beginnt zu würgen und zu schreien; er spuckt den Brei auf den Tisch; Sandra C. schimpft, „verdammt nochmal, schon wieder?“, nimmt einen neuen Löffel mit Brei und streicht diesen durch Udos Gesicht; Udo schreit, seine Arme zappeln; der Betreuer Albert H. betritt die Küche; „Alles ok, Udo hat schon wieder seine fünf Minuten“; die beiden unterhalten sich kurz; Albert H. verlässt den Raum; „wenn du das nächste Mal so einen Krach machst, steck ich dir den Löffel sonstwo hin.“
  2. Udo sitzt im Wohnzimmer und sieht aus dem Fenster; die Betreuerin Agathe S. und der Betreuer Hanno J. sitzen auf der Couch und unterhalten sich; „meinst du, der kriegt überhaupt noch irgendwas mit? Vielleicht sollten wir ihn mal ein bisschen herausfordern?“; Hanno J. holt ein Taschentuch aus seiner Hosentasche, schnäuzt sich hinein und wirft es in Udos Schoß; Udo beginnt zu knurren; „jetzt bleib mal locker, wir machen doch bloß Spaß, altes Fallobst.“
  3. Udo sitzt in seinem Rollstuhl am Rand des Sportplatzes; einige andere Bewohner spielen Basketball; hin und wieder werfen sie den Ball auf Udo, der dadurch am Bein, am Arm und einmal im Gesicht getroffen wird; die Bewohner lachen; der Betreuer Stefan K. unterbricht nach dem sechsten Treffer, „so, das reicht jetzt, ihr trefft ja sowieso nichts“.
  4. Udo sitzt nackt in der Badewanne; die Betreuerin Sandra C. tritt in das Badezimmer ein; „heute muss ich dich wieder waschen, sorry, is kein männlicher Betreuer da. Aber das stört dich doch nich, oder?“; Sandra C. beginnt Udo mit einem Schwamm zu reinigen; sie fährt mit dem Schwamm an Udos Bauch herunter, bis der Schwamm zwischen seine Beine ins Badewasser taucht; Udo schlägt sich und schreit; Sandra C. versucht ihn zu beruhigen; sie hält ihn an den Armen fest; Udo kann sich losreißen und schlägt um sich; Sandra C. ruft nach Hilfe; sie nimmt ein Handtuch, knotet es zusammen und schlägt damit zu; Udo hält sich die Arme vors Gesicht und schreit, das Handtuch trifft seine Unterarme; Sandra C. verlässt das Badezimmer; der Betreuer Hanno J. und Sandra C. kommen mit einem Eimer Eiswasser ins Badezimmer; Hanno J. schüttet den Eimer über Udo aus; Udo wird sofort still und sitzt unbeweglich da.

Der kleine Raum füllt sich mit Murmel- und Stöhngeräuschen, während die Bilder zu sehen sind. Danach ist es still, etwa eine Minute und 14 Sekunden, bis sich ein [austauschbarer Verantwortlicher] der [INST] meldet und anmerkt: „Also ich glaube nicht, dass das vor Gericht bestand hat.“


1. Und das war nicht wenig, denn noch nie zuvor in der Geschichte wurden derart massive finanzielle Mittel für ein Forschungsprojekt im humanwissenschaftlichen Bereich bereitgestellt. Der Aufwand an Technologieentwicklung, die Kosten der Koordination internationaler Forschungsressourcen, der immense Energieaufwand für die Testläufe und das Experiment selbst – solche Zuwendungen war man lediglich von militärisch relevanten Projekten gewohnt, jedoch nicht für eine Idee über den Menschen, deren Lösung man mitten im Herzen der Behindertenhilfe suchte. 

2. Es waren unzählige Hürden während des gesamten Forschungsprozesses aufgetreten. Krankheiten (milde bis organisch bedenkliche, bei einfachen Helfern und Schlüsselpersonen des Unterfangens gleichermaßen), gestrichene finanzielle Mittel durch den Wechsel politischer Entscheidungsträger, technische Unwägbarkeiten, fachliche Meinungsverschiedenheiten und natürlich auch persönliche Spannungen wie etwa die Affäre zwischen Verginia Motz und ihrem Schwarm, dem Forschungsdesigner Baal Rüttgen, die am Ende das ganze Team belastete, da Baal Rüttgen, wie es seiner üblichen Handlungsstrategie bezüglich Frauen entsprach, Verginia zunächst hemmungslos anbaggerte – jedoch immer mit einem Ton der Herablassung, der ihr Selbstvertrauen senken sollte – und er dann, als sie die Reißlinie zog, da sie das Projekt durch diese Verstrickung gefährdet sah, am Ende keine Chance ausließ, sie vor allen Beteiligten herabzuwürdigen (bspw. ihre Ideen als töricht zu bezeichnen, ihr technische Inkompetenz aufgrund ihres Geschlechts zu unterstellen und sie beim Leiter des SPEC-Teams wann immer es ging anzuschwärzen). Es war eine miese Nummer gewesen.

3. Dieser geniale Algorithmus tat nichts anderes, als die peripheren Scans von Udos Nervensystem – die während ihrer Fahrt durch selbiges fortwährend durchgeführt wurden – mit den Bilddaten abzugleichen, die ein anderer – nicht minder – genialer Algorithmus Motzs aus den Sehnerven extrahiert und zu schemenhaften Bildern zusammenfügt hatte.

4. Udo zog in eine neue Einrichtung, die freundlicher schien, zumindest nahm Gabriele dieses Umfeld als freundlicher wahr, was sie als das tatsächlich Beste bezeichnete, was den beiden die letzten Jahre passiert ist und sei diese Erkenntnis auch nur auf einem Gefühl erwachsen, dem Interpretieren einer Atmosphäre. Natürlich war die neue [INST] auch eine [INST], aber sie schien sich in einem wichtigen Punkt zu unterscheiden: Einer deutlich spürbaren menschlicheren Haltung, die Gabriele nicht näher bestimmten konnte, die aber da war, ganz sicher.

5. Man muss zu der Qualität der Videos folgendes sagen: Da diese aus den schemenhaften Bilddaten in Udos Kopf gewonnen wurden, handelt es sich dabei nicht tatsächlich um Videos, wie man sie sich vorstellen würde, da in diesem Fall drei unterschiedliche Bild-Ebenen digital übereinandergelegt wurden: 1) das bildhafte Sinnesmaterial. 2) das tatsächliche Videomaterial der unterschiedlichen Personen, das während der Besichtigung aufgenommen wurde und 3) gerenderte Computersequenzen, die aus der Zusammenführung weiterer Sinnesdaten berechnet wurden. Dementsprechend weisen die Videos eine ganz eigene Qualität auf: Sie wirken teilweise verzerrt und weichgezeichnet, an anderen Stellen wie Szenen aus einem Comic und manche Sequenzen bestehen nur – ähnlich der Sinnesrohdaten – aus weißen, schemenhaften Figuren auf einem schwarzen Hintergrund. Die Qualität der Audiospuren dagegen präsentiert sich unerwartet rauscharm, was auf eine sehr genaue und konzentrierte Vorgehensweise des SPEC-Teams bei der Datensammlung schließen lässt.