Inhalt: Der Ich-Erzähler wacht auf und ist „geistig behindert“. Er schildert, wie er sich, wie er die anderen, wie er seine Welt wahrnimmt. Seine Erkenntnisse helfen ihm nicht. Er kann sich aus dem melancholischen Monolog nicht befreien. Er bleibt ungehört. Stumm. Allein.

Lesedauer: ca. 6 Min.

Eines Tages als ich aufwachte und geistig behindert genannt wurde, konnte ich nicht sprechen. Nicht gut sprechen. Was ich sagte war schief und was anderes gab es nicht. Ich war laut, ganz laut und das war so ähnlich wie sprechen, so ähnlich wie ein Wort. Doch weder ich wusste das, noch die anderen. Die anderen sahen mich komisch an. Ihre Gesichter waren schief, waren immer schief, immer wenn ich etwas zu ihnen sagte. Oder sie waren starr. Oder sie waren wissend. Sie wussten immer, dass ich behindert war. Und ich wusste es jetzt auch.

Als ich geistig behindert genannt wurde, machte ich Ärger. Ich war nichts als Ärger. Und ich wusste von nichts, was nicht Ärger war. Ich lachte und ich schrie. Nichts als Ärger. Das wusste ich. Die anderen auch. Und es war so, als wäre ich anders in dem Ärger, als wäre ich mehr so wie ich bin. Also war ich Ärger so gut es ging. Weil ich sonst nichts war.

Als ich geistig behindert genannt wurde, war ich in dieser Einrichtung, wo man mir sagte, man würde mich verstehen. Man würde verstehen, dass ich geistig behindert war und man würde mir helfen. Man würde mir helfen, geistig behindert zu sein. Und ich sagte ja, helft mir und man half mir so gut es ging. Und ich fühlte mich besser und dann nichts mehr. Ich war jetzt in Sicherheit und das war ich für immer.

Als ich geistig behindert genannt wurde, waren da noch andere in dieser Einrichtung. Ich wurde betreut und ich wurde angesprochen von den anderen. Und dort machte ich Ärger, weil ich sonst nichts war und ich gab mein Bestes. Die anderen sagten, sie wüssten, wie man mehr sein könnte als Ärger, sie kannten Tricks. Man musste leise sein. Und heimlich. Und manchmal wurde einem gesagt, dass man mehr sei als Ärger, aber was, das wusste ich nicht. Wir wurden gelobt, wenn wir kein Ärger waren, doch dann waren wir gar nichts mehr. Man musste heimlich sein. Und leise. Oder gar nichts.

Als ich geistig behindert genannt wurde, war ich schon immer so. Ich war nie anders gewesen. So war ich einfach. Ich wusste nicht, ob ich das wollte. Aber war ich behindert, so gut es ging.

Als ich geistig behindert genannt wurde, war ich immer draußen. Es war immer Getuschel und ich immer draußen. Ich war nie drinnen, wenn die da standen. Im Kreis. Die hatten ihre Geheimnisse. Immer. Ich konnte nicht rein. Ich wollte nicht rein. Die konnten mir nichts befehlen. Hier draußen war ich so wie immer. Da drinnen war ich anders. Anders nur nicht ich.

Als ich geistig behindert genannt wurde, mochte ich. Ich mochte sehr. Aber mehr war das nicht, sagte man mir. Ich konnte Anja nur sehr mögen. Mehr nicht. Es war anders als bei den andern. Nicht so viel wie bei den anderen. Und sehen durfte ich sie nicht so oft. Ich wusste eigentlich nichts. Die anderen wussten alles. Und ich wollte gar nichts mehr wissen.

Als ich geistig behindert genannt wurde, konnte ich nur schreien und lachen. Mehr konnte ich nicht. Wenn ich lachte, lachten die anderen auch. Wenn ich schrie, schauten sie weg, oder zeigten mit dem Finger oder schrien auch. Oder sie sagten, ich solle nicht schreien. Aber lachen wollte ich auch nicht.

Als ich geistig behindert genannt wurde, war ich nicht viel. Weil die wussten und ich nicht. Und die, die konnten mehr als mögen, mehr als lachen und schreien, mehr als Ärger. Ich konnte nicht viel, das wusste ich. Jeden Tag wusste ich das. Jede Sekunde.

Als ich geistig behindert genannt wurde, war ich, bis ich irgendwann nichts mehr war. Und ich war allein. Mit all den anderen. Immer allein. Als ich geistig behindert genannt wurde, war ich immer allein.